Holzplanken, Blechfliesen, Ziegel – Materialität und Textur dank Digitaldruck

Nein, im Folgenden soll es nicht um Fototapeten gehen. Dieser Artikel will vielmehr den anhaltenden Fluch der Karibik-Panoramen in den Wohnzimmern der vergangenen Jahre bannen. Obwohl Tapete per se zweidimensional und ohne Tiefe ist, soll es hier um Materialität und Räumlichkeit gehen. Man könnte auch von einer optischen Täuschung sprechen. Digitale Drucktechnik und High-Resolution-Scanner machen es seit einiger Zeit möglich, Papiere und Vliese so realistisch zu bedrucken, dass sich nahezu jedes Material täuschend echt auf ihnen abbilden lässt: Beton, Holz, Blech oder eine Bücherwand.

Wir leben in Zeiten der Reizüberflutung. Den ganzen Tag versorgt mit Nachrichten, Bildern und Informationen, geht der Trend in allen gestalterischen Bereichen zur Reduktion, nicht selten verknüpft mit einer Sehnsucht nach der Natur und der guten alten Zeit, bevor es Maschinen gab. Einfachheit oder Karibik, das ist hier die Frage. Und die Antwort steht schon fest: Je einfacher, desto besser!

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In der Mode, in der Architektur, in allen Lebensbereichen sucht man nach Simplizität, um zur Ruhe zu kommen und der großen Datenflut zu entfliehen. Minimalismus und schlichte Materialien sind Antworten darauf. Tapetendesigns stellen da keine Ausnahme dar, im Gegenteil: Designer wie NLXL oder Studio Ditte arbeiten mit Tapeten wie "Scrapwood", die Abfallholz, lackiert und verwittert, täuschend echt abbilden. Oder aber alte Blechkacheln, wie sie um 1900 herum in Nordamerika millionenfach in Fabrik- und Lagerhallen verbaut wurden.

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Dafür verwenden sie Digitaldrucktechnik, die mit elektrofotografischen Systemen arbeitet, wie man sie beispielsweise von Fotokopierern kennt. Möglich wird die täuschend echte Darstellung von Materialien und Texturen vor allem durch feinste Scan-Verfahren, die hochauflösende Vorlagen liefern. Gedruckt wird meist auf Vlies: Statt Papier als Trägermaterial verwendet man bei Vliestapeten ein Gemisch aus Zellulose und Textilfasern. Das Material gilt als besonders pflegeleicht, da es sich weder dehnt noch schrumpft und man zum Aufbringen die Wände einfach einkleistern kann, ohne einen Tapeziertisch zu verwenden.

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Die Tiefenwirkung solcher Tapeten ist erstaunlich. Man steht vor ihnen und muss sie wirklich anfassen, um sicherzugehen, dass die Textur nicht echt, sondern eine Abbildung ist. Dass es sich "nur" um Bilder handelt, tut der Raumwirkung keinen Abbruch. Holz, Federn, eine Ziegelwand oder Fell können so Teil der Stadtwohnung werden und ihre beruhigende Wirkung entfalten.

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Gleichzeitig hat die Motivwahl fast etwas Kunstvolles: Schon in der frühen Moderne wandten sich Künstler wie László Moholy-Nagy oder später Bernd und Hilla Becher der Erforschung von Strukturen und Typologien zu. Indem wir uns Bilder von Materialien und Texturen in die Wohnung holen, erschaffen wir – ganz im Sinne unserer digitalisierten Welt – kunstvolle virtuelle Räume zum Wohlfühlen. Also, auf zu neuen Realitäten fernab karibischer Palmenstrände!

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