Wenn aus Monotonie Schönheit erwächst: Tapete im Zeichen des Maximalismus

Erinnern Sie sich noch an die 1990er Jahre, und wie das britische Lifestyle-Magazin Wallpaper einen coolen, ja eiskalten Minimalismus in die Wohnungseinrichtung brachte? Das sah damals tatsächlich nach einer begehrenswerten Zukunft aus: nahezu leere, strahlend helle Räume, die Klarheit versprachen und Konzentration. Womöglich war das eine Pervertierung des bereits seit Jahrzehnte etablierten Skandinavischen Designs, das mit Schlichtheit, klaren Linien und natürlicher Materialität geschmackvolle Wohnzimmer rund um die Welt geprägt hatte.

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Mit Wallpaper fühlte man sich ein knappes Jahrhundert in der Zeit zurückversetzt, ins Jahr 1908 und zum vielzitierten Buch des Wiener Architekten Adolf Loos "Ornament ist Verbrechen". Der Titel sagt bereits alles – obwohl sehr lesenswert, wollen wir an dieser Stelle nicht näher auf diese folgenreiche Schrift eingehen. Dessen Folgen im positiven waren Bauhaus und Neue Sachlichkeit, im negativen die Beendigung architektonischer Spielerei und der Beginn der bösen Welt gesichtsloser Klötzchenbauweise.

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Aber zurück in die Neunziger. Tyler Brûlés erfolgreiche Kreation Wallpaper zeigte kaum Natürlichkeit: bevorzugt waren die Wände auf den zahlreichen Fotografien aus Sichtbeton, vielleicht sogar die Möbel, zumindest sahen sie danach aus. Die Menschen in diesem Magazin waren ätherische Wesen, die ihre Kraft aus Yoga schöpften und strenge Kleidung sowie konkrete Kunst schätzten. Auch die Käufer erhofften sich von der Lektüre mehr Klarheit, Stringenz, Zeitgenossenschaft, gar die lange ersehnte innere Ruhe. Was sie bekamen, waren hallende Wohnräume, schmutzempfindliche Wände, eine grosse Leere im Leben und höhere Heizkosten.

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Wallpaper also war, wie so viele andere Trendsetter, ein Verkäufer von Hoffnung auf Trost und Lieferant von Enttäuschungen.

Aber ein guter Scherz, der Magazintitel: Wallpaper = Tapete.

Als Ende des Jahrtausends Rafael Horzon in Berlin seine Design- und Einrichtungsläden auf der Scheuerkante zwischen Geschäftsidee, Kunst und Wahnsinn aufbaute, waren seine reduktionistischen Möbel und Wandgestaltungen eine klare Parodie auf den spirituell aufgeladenen Minimalismus. Tatsächlich brachte er es fertig, über längere Zeit ein einziges formsprachlich reduziertes Regalmodell anzubieten, aus Spanplatte.

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Die Szene lachte und kaufte, und die wohnliche Übersicht, ja Überschaubarkeit blieb. Allenfalls als Zitat, als Kontrastmittel tauchte hier und da ein lebendiges Accessoire mit Lebensgeschichte auf, wenn es hoch kam, war das ein ganzes Möbelstück, möglichst aus dem wiederentdeckten Lagerhaus eines vergessenen DDR-Einrichtungshauses. Die Gäste konnten nun bequemer sitzen als auf einem Betonkubus, aber die Wände waren weiterhin weiss, die Einrichtung karg, die Stimmung kühl. Und so werfen Adolf Loos, Tyler Brûlé und Bauhaus ihren hypothermischen Schatten weiterhin auf unsere Wohngegenwart.

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Zusammenfassend lässt sich vielleicht die Behauptung aufstellen, dass je höher das Einkommen und je weniger Zeit und Liebe vorhanden für ein selbstbestimmtes Einrichten, desto kälter und leerer die Wohnung. Die Wohnung als ein Spiegel der Persönlichkeit? Es wird einem ganz bang ums Herz… Wird nicht Albert Einstein dieser Satz zugeschrieben: ”Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was sagt dann ein leerer Schreibtisch aus über den Menschen, der ihn benutzt?” Das wollen wir mal so stehenlassen zum Abschluss unserer Gedanken über minimalistische Appartements…

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Sehen wir uns nun einmal die gemütlicheren Seiten heutigen Wohnens an. Auch heute lassen wir uns von Lifestyle-Magazinen inspirieren. Aber die Strenge ist weg. Die Mischung machts. Es gibt wieder mehr Mut zum Stilmix und zum Einfliessen von Zufall, Fundstücken und Üppigkeit. Keine Wohnung gleicht mehr der anderen, private und professionelle Inneneinrichterinnen definieren Persönlichkeit nicht mehr vor leerem Hintergrund, sondern im Zusammenspiel unterschiedlichster Einflüsse. Kreative Wohner, Bewohnerinnen und Einrichter freuen sich über auch mal uneindeutige Wohnungselemente, über kleine Streitereien um die visuelle Vorherrschaft zwischen einer Tapetenbahn und einem Sesselbezug, über verschiedene Stilepochen und ganz private Einsprengsel. Über lebendige Vielfalt, Anregung und gegenseitige Befruchtung, über täglich neue Zusammenhänge – kurz: über die grosse individuelle Einrichtungsfreiheit statt beschränkender Dogmen. Maximalismus statt Minimalismus. Bordello-Stil statt Askese.

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Die grosse Einrichtungsfreiheit unserer Freunde dieser Tage beginnt im Keller der Eltern, geht weiter auf dem Flohmarkt, macht einen Abstecher in die Designboutique und zum Schreiner, sie kauft und verkauft auch wieder, sie mietet ein Kunstwerk auf Zeit, hängt auf, was heute gefällt und morgen nicht mehr. Sie lässt sich auch mal finden von einem Gegenstand, der einen dann das ganze Leben begleitet, ohne dass man wüsste, wozu er eigentlich da ist. Die Einrichtungsfreiheit wechselt vielleicht zum zweiten Mal in diesem Jahr schon die Tapeten aus oder klebt sie endlich auch einmal auf den Balkon. Die Einrichtungsfreiheit ist individuell und nicht vorhersehbar. Die Einrichtungsfreiheit ist heute. Die Einrichtungsfreiheit sind ich, du und alle, die wir kennen.

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Wenn wir heute Wallpaper hören, denken wir jedenfalls wieder an Tapeten und ihre tausend Muster, Milieus und Möglichkeiten, nicht mehr an einen Agenten des kalten Minimalismus. Und wo Wallpaper einst den Einsatz von Tapeten fast schon verunmöglichte, blühen heute mehr papierene Fantasien auf unseren Wohnungswänden als je zuvor.

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Die Tapete ist wieder da, vielfältiger als je zuvor. Wallpaper wurde an ein globales Medienimperium verkauft und lebt vom Verkauf design-orientierter Stadtführer.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

PS: Wussten Sie eigentlich, dass Tyler Brûlé als Tyler Brule geboren wurde, bevor er seinem Namen später die Schnörkel und Ornamente verpasste, mit denen er selbst und sein Wallpaper zur unverwechselbaren Marke wurden?

 
 

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